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Peter J. Bräunlein & Andrea Lauser Tod
Der Tod, so heißt es gemeinhin, wird in der Moderne individuell und sozial verdrängt, unsichtbar gemacht, ausgegrenzt. Der Tod sei im 20sten Jahrhundert zum Tabu geworden, welches stärker wirke als jedes sexuelle Tabu, behauptet Geoffrey Gorer und spricht von der "Pornographie des Todes". Gestorben wird längst nicht mehr im Kreise der Familie, sondern zumeist in schallgedämpften, neonhellen Klinikräumen - allein, umgegeben allenfalls von Apparaten. Norbert Elias sieht in der "Einsamkeit der Sterbenden" ein Wesensmerkmal unserer Tage und Ivan Illich weist auf die Selbstentmündigung des kranken und sterbenden Menschen durch den unausweichlichen Zugriff medizinischer Technologie hin. (1) |
Ob die hier angedeuteten Entwicklungen der Postmoderne weiterhin an positiver Kraft zunehmen werden und tatsächlich eine Humanisierung des Sterbens und einen bewußteren Umgang mit dem Tod herbeizuführen vermögen, ist noch offen. Ob sich zukünftig die kalte Autorität technokratischen Expertenwissens durchsetzt oder die Stimmen, Gefühle und Bedürfnisse der Sterbenden und Trauernden, hängt wie Tony Walter betont, nicht zuletzt davon ab, ob es trotz zunehmender geographischer und sozialer Mobilität gelingt, Gemeinschaft, "human companionship", in der Auseinandersetzung mit dem Sterben, in der Stunde unseres Todes, zu schaffen. (6)
Für die Kulturwissenschaften war Tod, vorwiegend jener der 'Anderen', seit jeher ein zentrales Themenfeld, schon aus der Tatsache heraus, daß aus dem Umgang mit Sterben, Tod und Trauer Einsichten zu Weltbild und gesellschaftlicher Orga-nisation abzuleiten sind. Ethnologie, Volkskunde, Kultur- und Mentalitätsgeschichte zeigten, daß Sterben und Tod kaum je Privatangelegenheit waren. Tod und Sterben betreffen ganz wesentlich die Gesamtgesellschaft. Der Tod wird als Krise sozialer Beziehungen erlebt und rituell zu bewältigen versucht. Zweitens, so ist im Kulturvergleich ersichtlich, wird das Sterben keineswegs als ein punktueller Moment, "gerade noch lebendig - jetzt tot", wahrgenommen, sondern als Prozeß, als ein Übergang von der Welt der Lebenden in das Reich der Nicht-mehr-Lebenden. Ein Transformationsprozeß, der sich mitunter über Jahrzehnte erstrecken kann. Eine Zeitspanne, in der "Verstorbene" keineswegs als "tot" gelten (7). Drittens konnte übereinstimmend gezeigt werden, daß in den meisten Kulturen ein Beziehungsfeld von Lebenden zu den Nicht-mehr-Lebenden und umgekehrt besteht. Ein Beziehungsfeld, das mannigfaltigen kulturellen Ausgestaltungen unterliegt, und das sich von vitaler Bedeutung für die gesellschaftliche Wirklichkeit erweist. Dieses Beziehungsfeld wird nicht einseitig, von den Lebenden in Richtung "Verstorbene" gepflegt, auch die "Toten" reagieren und gestalten diese Beziehung aktiv. Die Toten sind den Lebenden gegenwärtig. (8)
Bei der kulturwissenschaftlichen Hinwendung zu 'Tod' bestand jedoch schon frühzeitig die Gefahr und die Versuchung, sich des existenziell Bedrohlichen des Themas durch Exotisierung zu entledigen. So wurde der Tod der 'Anderen' alsbald auf das Totenritual eingeengt. Der transzendentale und universale Charakter des Todes, vor allem des Sterbens, wird hinweg-"folklorisiert", wie Johannes Fabian kritisiert (9). Erst aus neuester Zeit, genauer seit den 80er Jahren, liegen, nicht zuletzt aufgrund dieser Kritik, Arbeiten vor, die das Humanum von Sterben und Tod sichtbar zu machen bemüht sind. (10)
Das Thema Tod ist ohne Frage eine erstrangige Herausforderung für das westliche Selbstbild, berührt es doch zentrale Dimensionen des für selbstverständlich genommenen Menschen- und Weltbildes. Gleichzeitig läßt sich hierbei schwerlich eine wertneutrale, geschweige denn kulturrelativistische Position der Betrachtung ausmachen. Das westliche Denken über den Tod transportiert unhinterfragte Grundannahmen und vorgebliche Gewißheiten mit sich, ja man könnte hierbei gar von Zwangsvorstellungen sprechen. Dazu gehören die rationalistische Gewißheit, daß mit dem biologischen Ende der Materie auch jeglicher immaterieller Rest des Menschen sein Ende findet, oder die Behauptung, Jenseitsvorstellungen seien seit der Altsteinzeit und in jeder vorfindbaren Religion Erfindungen gegen das Grauen und die Angst vor dem unbegreiflichen Ende jeder menschlichen Existenz. (11) Daß es Kulturen gibt, wie etwa die indischen Sora, für die es selbstverständlich ist, mit den "Toten", über medial begabte Menschen, sprachlich zu kommunizieren, und die demnach also wissen, daß der Tod eben ein Übergangszustand in eine andere Seinsweise mit entsprechenden Aufgaben und Verpflichtungen ist (12), all dies vermag - natürlich - keinerlei Zweifel an westlicher Selbstgewißheit hervorzurufen. Westliche Rationalität beruft sich in solchen Fällen auf ein popularisiertes und trivialisiertes Freudianisches Menschenbild, wonach es sich bei solchen Phänomenen stets um angstabwehrende Phantasien, Projektionen, um Verdrängung oder Verschiebungen, im Zweifelsfall um Kollektivneurosen, möglicherweise gar um pathologische Erscheinungen handelt. Ein Menschenbild im übrigen, das seine Entstehung dem technikbegeisterten 19. Jh., mithin der Faszination an Dampfmaschine und Elektrizität, verdankt.
Mit dem obsessiven Beharren
auf eine Sichtweise, die in Tod nur Verlust, Ende, Grauen, Angst, Aporie
wahrzunehmen vermag, gehen Pathos und Dramatik westlicher Rede über
den Tod einher: "über dem Grab geboren", "mitten im Leben vom Tod
umfangen", "ein Sein zum Nichts", "Terror des Todes", "Tod als Bestie"
und dergleichen mehr. Gleichzeitig und ebenso obsessiv weigern sich westliche
Denker, fremde Denksysteme ernstzunehmen, geschweige denn, die eigenen
Grundannahmen in Frage stellen zu lassen. Der Kosmos buddhistischer Philosophie,
entfaltet in unterschiedlichen Schulrichtungen - um nur ein Beispiel zu
nennen - wird im Westen nicht einmal ansatzweise von der akademischen Forschung,
abgesehen von einzelnen Fachphilologen, als Herausforderung verstanden.
Die satte Selbstgewißheit,
daß sich mit der Übernahme technologischer, wissenschaftlicher
und vor allem wirtschaftlicher Rationalität auch das westliche Wertesystem
und das damit zusammenhängende Menschen- und Weltbild global durchsetzen
werde, erweist sich immer deutlicher als fundamentaler Irrtum. An der Provokation
'Tod', so scheint uns, stellt sich mit besonderer Schärfe die Frage,
ob sich die westliche Kultur jemals, und aus eigener Einsicht, von einer
Belehrungskultur zu einer Lernkultur zu wandeln vermag.
Auch dieses KEA-Heft will, wie gewohnt, mit seinem Themenschwerpunkt und den einzelnen Beiträgen Anregungen für die aktuelle Diskussion vermitteln.
Heike Kämpf geht der Frage nach, warum die philosophische Anthropologie die Chance, die die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und den jeweiligen Todesvorstellungen darstellt, nicht ergreifen konnte, und sich statt dessen bei der Todesproblematik in erster Linie auf die Aussagen der Biologie stützt (Aber der Mensch. Tod und Unsterblichkeit aus anthropologischer Sicht).
Thomas Rolf frägt scheinbar absurd: "Ist mein Tod möglich?", um mit Hilfe der Existenzphilosophie Jean-Paul Sartres zu klären, aus welcher philosophischen Perspektive diese Frage überhaupt sinnvoll gestellt werden kann ("Ist mein Tod möglich?" zur Thanatologie Jean-Paul Sartres).
Elsbeth Kautz nimmt den sog. "Erlanger Fall", die Schwangerschaft einer hirntoten Frau, zum Ausgangspunkt, um auf die Konsequenzen hinzuweisen, die eine technologisch immer weiter entwickelte Medizin nicht nur für die Festlegung des Todeskriteriums, sondern für unser gesamtes Menschenbild beinhalten (Wann ist der Mensch tot? oder Die Folgewirkungen des "Erlanger Falls").
Den spektakulären Selbstmord eines Scharfrichters im Jahre 1790 rekonstruiert Jutta Nowosadtko. Spezifisch zeitgenössische Wahrnehmungsmuster über Selbstmord und "Unehrlichkeit" werden, neben Einblicke in das Verhalten von Behörden, Nachbarn und Verwandten, deutlich gemacht (Der Tod eines Scharfrichters).
In herkömmlicher ethnologischer Beschäftigung mit Todesvorstellungen fremder Kulturen ist die Faszination an einem magischen, d.h. gewaltsamen Tod durchgehend festzustellen. Rolf-Michael Lüking geht diesem ethnologischen Diskurs, wonach ein "natürlicher" Tod in traditionellen Gesellschaften nahezu unmöglich sei, am Beispiel Melanesiens und Australiens nach, um schließlich die Unsinnigkeit dieser Behauptung zu zeigen (Kein Tod ohne Grund). In einem zweiten Beitrag untersucht Lüking das Konzept einer magischen Tötungstechnik der australischen Aborigines, Kurdaitcha. Die genaue Analyse empirischer Befunde erweist die Realität der Kurdaitcha-Praxis (Kurdaitcha).
Mit den Untoten der Alangan-Mangyan (Mindoro/Philippinen) und verschiedenen Wiederkehrern abendländischer Geschichte befaßt sich Peter J. Bräunlein. Die Behauptung, Tote würden leibhaftig wiederkehren, stellt eine Provokation westlicher Rationalität dar und verweist auf die Grenzen des ethnologisch Verstehbaren (Die Rückkehr der 'lebenden Leichen'. Das Problem der Untoten und die Grenzen ethnologischen Erkennens).
Elfriede Heider untersucht Veränderungen im japanischen Bestattungswesen, wie sie durch die rasche Modernisierung befördert werden. Es sind u.a. Frauen, deren verändertes Rollenverständnis diesen Umbruch in Richtung größerer Selbstbestimmung der Bestattungsform vorantreiben (Emanzipation und Bestat-tung? - Neue Bewegungen im Trend zur Selbstbestimmung im Bestattungswesen Japans).
Was wir mit dem Tod, gar mit der Authentizität von Todesbildern verbinden, wurde und wird nicht zuletzt durch Brauchtum gesteuert. Katharina Eisch begibt sich in den USA auf eine Reise zu Halloween, dem Fest der Allerheiligennacht, in der der Tod der Natur mit der Wanderung der Toten assoziiert wird. Ihre Fahrt von New York nach New Orleans, im Gepäck den Erwartungshorizont authentisch europäischen Kulturverständnisses, erlebt die Autorin vor dem Hintergrund der Frage nach dem Identischen im Fremden. Erwartungen und Erwartungsbrüche werden am Bedeutungskomplex Hallowen deutlich gemacht (Eine Reise zu Halloween).
Trauer- und Bestattungsrituale gehören in manchen Kulturen zu den zentralen identitätsstiftenden Elementen. Jürgen Rudolph arbeitet in seinem Beitrag historische Zusammenhänge zwischen der kulturellen chinesischen Identität und den Trauerfeierlichkeiten einer auslandschinesischen Population, der Babas in Singapur heraus. Dargestellt wird der Stellenwert von Trauerfeierlichkeiten für die Aufrechterhaltung von "Chinesischsein" in einer auslandschinesischen, in hohem Maße indigenisierten community (Tod und 'Chinesischsein' bei den Babas Singapurs).
Dorle Dracklé untersucht die häufigen Selbstmorde im Alentejo Portugals. In dieser Region ist eine der höchsten Selbstmordraten Europas zu verzeichnen. Dorle Dracklé referiert die Forschungs- und Ideengeschichte zum Thema Selbstmord, sie geht den realen Ursachen für die häufigen Selbstmorde im Alentejo nach und stellt dar, wie Wissenschaftler, Ärzte, Einwohner und lokale Politiker über Selbstmord reden (Über Selbstmord sprechen: fachhistorischer Diskurs und ein Beispiel aus Südportugal).
Lilo Roost Vischer forschte als Ethnologin in einem Bestattungsinstitut in einer Deutschschweizer Stadt und berichtet von den Ergebnissen ihrer Recherchen in diesem vom Alltag fernen und abgetrennten Bereich der Gesellschaft. Thematisiert werden die vordergründig sachliche Technologie der Bestattung zwischen Dienstleistung, Kommerz und Leichenentsorgung, doch auch die Abwehrstrategien des Personals gegenüber der Nähe des Todes und die Irritationen der Forscherin (Alltägliche Leichen. Anmerkungen zu einer ethnologischen Forschung in einem schweizerischen Bestattungsinstitut und Krematorium).
Peter J. Bräunlein &
Andrea Lauser
(1) Gorer, Geoffrey: Die Pornographie des Todes. In: Der Monat, 8.1956, Heft 92, S.58-62 (Original: The Pornography of Death. In: Encounter, 5 (4).1955, S.49-52), Elias, Norbert: Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen. Frankfurt/M. 1982, Illich, Ivan: Die Nemesis der Medizin. München 1995 (erstmals 1977).
(2) Ariès, Philippe: Geschichte des Todes. München 1993 (= 6. deutsche Auflage; im Original: L'homme devant la mort, Paris 1978).
(3)Tony Walter: The Revival of Death. London 1994.
(4) Vgl. z.B. Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden. Stuttgart 1976 (= 6. Aufl.) (Originalausg.: On Death and Dying, 1969), Kübler-Ross, Elisabeth: Befreiung aus der Angst. Be-richte aus den Workshops "Leben, Tod und Übergang". Stuttgart 1983 (Originalausg.: Working it through, 1982). Biographisches zu Kübler-Ross: Derek Gill: Elisabeth Kübler-Ross. Wie sie wurde wer sie ist. Stuttgart 1988 (= 6. Aufl.) (Original: Quest - the Life of Elisabeth Kübler-Ross, 1980).
(5) Einen praxisorientierten Ratgeber für dieses neue Experimentierfeld verfaßten, angeregt durch eigene Hilflosigkeit angesichts des Sterbens von Freundinnen, die niederländischen Autorinnen Marjan Sax, Knaar Visser, Marjo Boer: Begraben und Vergessen? Ein Begleitbuch zu Tod, Abschied und Bestattung. Berlin 1993.
(6) Walter 1994, S.6. Tony Walter sieht hierin ("facing death without tradition ... but in company") eine bedeutsame Herausforderung, die nicht nur für den Umgang mit dem Tod relevant ist, sondern für die Zukunft der Postmoderne insgesamt.
(7) Das machte Robert Hertz am Beispiel der Sekundärbestattungen, vorwiegend indonesischer Ethnien, deutlich. Siehe Robert Hertz: "Contribution à une étude sur la répresentation collective de la mort". In: L'Année Sociologique 10.1907, S.48-137.
(8) Diese Beziehungsstruktur dürfte beinahe jeder Ethnographie zu entnehmen sein. Daß dies auch für unsere Kultur selbstverständlich war, macht z.B. Otto Gerhard Oexle deutlich. Otto Gerhard Oexle: Die Gegenwart der Toten. In: Breat, H./Verbeke, W. (Hrsg:): Death in the Middle Ages. Leuven 1983, S.19-77. Siehe auch den Band von Karl Schmid/Joachim Wollasch (Hrsg.): Memo-ria. Der ge-schichtliche Zeugniswert des liturgischen Gedenkens im Mittelalter. München 1984.
(9) Johannes Fabian: How others die - reflections on the anthropology of death [1972]. In: Ders.: Time and the Work of Anthropology. Critical Essays 1971-1991. Chur 1991, S.175-190.
(10) Einige interessante und innovative Arbeiten seien, ohne hier Vollständigkeit zu beanspruchen, aufgeführt: Loring M. Danforth, gemeinsam mit dem Photographen Alexander Tsiaras: The Death Rituals of Rural Greece. Princeton 1982, Peter Metcalf / Richard Huntington: Celebrations of Death. The Anthropology of Mortuary Ritual. Cambridge 1991 (2nd ed.), C. Nadia Seremetakis: The Last Word. Women, Death, and Divination in inner Mani. Chicago/London 1991, Maria Cátedra: This World, Other Worlds. Sickness, Suicide, Death and the Afterlife among the Vaqueiros de Alzada of Spain. Chicago/London 1992, Thomas Masquio: To Remember the Faces of the Dead. The Plentitude of Memory in Southwestern New Britain. Madison/London 1994. Zu den beiden letztgenannten Titeln siehe auch die Rezensionen von Dorle Dracklé in dieser kea-Ausgabe.
(11) Als
ein Beispiel, das als typisch gelten kann, sei hier Malinowski zitiert,
der in der Angst vor dem Tod den Ursprung jeder Religion vermutet: "Von
allen Ursprüngen der Religion ist das letzte Grundereignis des Lebens
- der Tod - von größter Wichtigkeit. Der Tod ist das Tor zur
anderen Welt in mehr als wörtlichem Sinn. Nach den meisten Theorien
früher Religionen ist ein großer Teil, wenn nicht jede re-ligiöse
Inspiration, auf ihn zurückzuführen - und darin sind die orthodoxen
Ansichten im ganzen rich-tig. Der Mensch muß sein Leben im Schatten
des Todes leben, und er, der am Leben hängt und sich an seiner Fülle
erfreut, muß das drohende Ende fürchten. Er wendet sich angesichts
des Todes den Ver-sprechungen des Lebens zu. Der Tod und seine Verneinung
- die Unsterblichkeit - bildeten immer, wie auch heute noch, das brennendste
Thema in den Vorstellungen des Menschen." Bronislaw Malinowski:
Magie, Wissenschaft und Religion. In: Ders.: Magie, Wissenschaft und Religion.
Und andere Schriften. Frankfurt 1973, S.32f.
Ganz ähnlich der Ton
bei Berger/Luckmann: "Daß der Tod auch die ärgste
Bedrohung für die Gewißheit der Wirklichkeiten des Alltagslebens
darstellt, braucht nicht eigens betont zu werden. (...) Sämtliche
Sinngebungen des Todes sind vor dieselbe Aufgabe gestellt: der Mensch muß
auch nach dem Tode signifikanter Anderer weiterleben können. Das Grauen
vor dem eigenen Tode aber muß we-nigstens so gemildert werden, daß
es nicht die kontinuierliche Routine des Alltagslebens lähmt. (...)
In der Legitimation des Todes manifestiert sich die Kraft symbolischer
Sinnwelten im Hinblick auf Transzendenz am klarsten, und die Fähigkeit
der absoluten Legitimation der obersten Wirklichkeit des Alltagslebens,
die menschliche Urangst zu mildern, enthüllt sich in ihr." Peter Berger
/ Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit.
Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt/M. 1971, S.108f.
Was also, wenn Menschen
individuell und kollektiv darauf bestehen, keine Angst vor dem Tode zu
haben, und daß ihnen Grauen davor fremd sei?
(12)
Vgl. Piers Vitebsky: Is death the same
everywhere? Contexts of knowing and doubting. In: Hobart, Mark (ed.):
An anthropological critique of development. The growth of ignorance. London/New
York 1993, S.100-115 und Piers Vitebsky: Dialogues with the Dead.
The Discussion of Mortality among the Sora of Eastern India. Cambridge
1993.